
Mahlers Angst in der "Zehnten" - Gustav Mahler hatte Angst vor seiner zehnten Sinfonie: Beethoven, Bruckner, Dvorak - viele seiner Vorgänger hatten nur neun Werke der großen Orchestergattung geschrieben, und so litt Mahler an der Furcht, seine zehnte nicht mehr vollenden zu können. Er behielt recht: Als er den langsamen Satz des Werkes und ein paar Skizzen fertig hatte, raffte ihn ein Herzleiden dahin. Der Produzent Matthew Herbert, berühmt für das "Recomposing", also die künstlerische elektronische Verwandlung klassischer Musik, hat aus dem, was uns Mahler hinterlassen hat, sein neues Projekt gemacht und sich dabei übrigens auf eine der renommiertesten Einspielungen des Torsos gestützt - die großartige Interpretation des bereits verstorbenen Dirigenten Giuseppe Sinopoli. In dem faszinierenden Klangbild gelingt es Herbert, Brücken zu Mahler selbst zu schlagen, der sich zum Zeitpunkt der Entstehung des Werkes in einer schweren Lebenskrise befand - und dessen Angst vor dem Tod auch in der Musik ihren Niederschlag fand. Herbert spürt diesen Emotionen akustisch nach: Er baute ein Autoradio in einen Sarg ein, ließ die "Zehnte" darauf abspielen und nutzte das Ergebnis ebenso in seiner Collage wie das Bratschensolo am Beginn des Adagios, das am Grab des Komponisten in Wien erklingt. Banales und Erhabenes, Liebe und Verzweiflung, Größe und Vergänglichkeit begegnen sich: "Meine Fassung", sagte Herbert, "soll eine Übersteigerung der unbequemen Balance sein, die Mahler zwischen Licht und Dunkel herstellte".
Matthew Herbert - Symphony X, Recomposed (Deutsche Grammophon/Universal)